3. Der Flexibilitätstest

Beinahe zwei Monate sind verstrichen, seit wir hoffnungsfroh unseren Weinkurs mit dem Schneiden der Rebstöcke begonnen haben. Fix im Programm war ein Datum Anfangs April gesetzt: ein Theorieabend untermauert mit einer Diashow, inklusive Degustation und Käseplättli. Als angehende „Winzer“ – ja gut, der Begriff ist etwas hoch gegriffen – sind wir begierig, möglichst viel Wissen zum Weinbau verpasst zu bekommen. Als Geniesser finden Verkostungen mit oder ohne Essen (lieber mit) sowieso jederzeit Anklang. Frohgemut und wissensdurstig fanden wir uns also am besagten Datum direkt nach der Arbeit auf dem Winzerbetrieb ein.

Aus organisatorischen Gründen konnte der Theorieteil mit der Diashow nicht stattfinden. Doch der Winzer disponierte kurzerhand um und nahm das sonnige Frühlingswetter zum Anlass, uns die nächste Arbeit an den Reben vornehmen zu lassen: das Runterbinden der Triebe. Wer den Blick über die Rebberge schweifen liess, stellte fest, einige der „Konkurrenten“ hatten das bereits erledigt. Nur unsere Triebe ragten noch immer frech und munter himmelwärts. Kurz vor dem Austreiben sollte die Arbeit des Runterbindens aber erledigt sein. Dennoch, diese Programmänderung erwischte einige von uns auf dem falschen Fuss. Die Bürokluft eignet sich nun einmal nicht so gut zur Arbeit im Rebberg. Aber gut! Vermutlich war’s ein Test, um festzustellen, wie flexibel wir tatsächlich sind. Sehr! Denn weisses Hemd hin, Lederjäckchen her – wir nahmen die Herausforderung an.

Nach einer guten Stunde waren die Reben runtergebunden.Nach einer guten Stunde waren die Reben runtergebunden. (Foto by: Corinna Schneider)

Unsere Aufgaben heute

Arbeitstechnisch war es kein grosses Problem, die Triebe auf den untersten Draht runterzubinden. Dennoch mussten wir feststellen, dass trotz des Bognens vor zwei Monaten die Triebe trotzig in irgendeine Richtung zu wachsen schienen. Zahlreiche davon mussten wir wieder in die gewünschte Richtung trimmen. Ebenso konnten wir feststellen, wie klebrig die Triebe waren – Anschauungsunterricht, weshalb man sie tatsächlich so schneiden muss, dass keine Flüssigkeit aus der Schnittfläche auf die Augen laufen kann. Nach einer guten Stunde waren die Reben runtergebunden – und die Sonne bereits hinter dem Horizont verschwunden. Langsam kroch uns die Kälte ins Gerippe. Egal, erst mussten noch die Drähte nachgespannt werden: Der Weingarten besteht bekanntermassen aus Reihen von Rebstöcken. Um die Reben mit möglichst viel Licht und Luft zu versorgen, müssen die Triebe geordnet angebunden werden. Dazu schlägt man Pflöcke zwischen den Reben in den Boden, an die man innerhalb der Reihe drei bis vier horizontale Drähte spannt.

Strecker nennt man dieses Erziehungssystem. Während der unterste Draht das grösste Gewicht tragen muss, stabilisiert der oberste das Konstrukt. Die Drähte hängen mit der Zeit etwas durch, also müssen sie regelmässig nachgespannt werden. Denn nur so bieten sie den Rebstöcken bei Wind und Wetter genügend Schutz und Stabilität. Auch das Nachspannen erledigten wir effizient, sodass wir innert nützlicher Frist zum gemütlichen Teil des Abends übergehen konnten.

Während der unterste Draht das grösste Gewicht tragen muss, stabilisiert der oberste das Konstrukt.Während der unterste Draht das grösste Gewicht tragen muss, stabilisiert der oberste das Konstrukt. (Foto by: Corinna Schneider)

Nach der Arbeit das Vergnügen

Während wir hungrig – körperliche Arbeit sorgt für zünftigen Kohldampf – über die üppige Käseplatte herfielen, gab’s verschiedene Weiss- und Rotweine zur Probe: Bianca, Riesling Silvaner und Pinot Noir. Letzterer als Federweisser, als Rotwein und als Rotwein aus Barrique. Was geschah eigentlich im Rebberg während unserer Abwesenheit? Hier stand vor allem die Bodenpflege im Zentrum.

Zwischen den Reihen musste gemäht werden, damit man zur Pflege der Stöcke einfachen Zugang zu den Reben hat. Der Häckselmäher eignet sich dazu am besten – so erwischt man die abgeschnittenen Triebe, die auf dem Boden rumliegen, gleich mit. Hinzu kam das erste präventive Behandeln der Rebstöcke mit Herbiziden. Leider geht’s nicht ohne ab, sonst wird man dem Unkraut kaum mehr Herr. Das erste Mal gedüngt wird bei „triebigem“ Wetter, wahrscheinlich in der zweiten Hälfte April. Für die nächste Arbeit werden wir etwa Mitte Mai aufgeboten. Dann werden wir die überzähligen Triebe ausbrechen. Hoffen wir nun, dass der Theorieabend doch noch einmal nachgeholt werden kann. Nicht auszudenken, wir hätten uns unser ganzes Weinbauwissen allein durch praktische Arbeit angeeignet!


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