2. Der erste Kurstag

Es war ein grau-trüber Februartag, als wir uns zum ersten Mal im Weinberg einfanden, um uns in die Geheimnisse des Weinbaus – vom Schneiden bis zum Hüllen – einführen zu lassen. Wir sind eine kleine Truppe von insgesamt acht Personen, die ihren Wissensdurst zum Weinbau während des kommenden Jahres gemeinsam stillen wird; eine zweite Gruppe von rund elf Personen wird eine Woche später eingeführt.

Ausrüstung: warme Kleider, Wanderschuhe, Gartenhandschuhe

Warme Kleider hat wohl jeder; solche, die bei der Gartenarbeit verdrecken darf, ebenfalls. Aber Arbeitshandschuhe? Für die Hege von Pflanzen im Balkonkistli auf der städtischen Loggia sind sie schlicht überflüssig. Die „Hardcore-Städter“ mussten sich diese exotisch anmutende Arbeitshilfe im Gartencenter extra besorgen. Doch für den heutigen Tag waren sie auf jeden Fall eine segensreiche Investition: Nicht nur schützten sie unsere Hände; sie hielten sie auch einigermassen warm.

Wie gesagt, schneiden ist angesagt!

Das richtige Blatt-Fruchtverhältnis ist für einen Wein sehr wichtig.Das richtige Blatt-Fruchtverhältnis ist für einen Wein sehr wichtig. (Foto by: Corinna Schneider)

Bevor wir Grünlinge auf die Reben losgelassen wurden, gab’s vom Fachmann eine ultrakurze Einführung. Wir lernten, dass nebst dem Wümmen das Schneiden die meiste Arbeit verursache, dass das richtige Blatt-Fruchtverhältnis für einen Wein sehr wichtig sei, und dass wenn die Vögel die Trauben nicht mehr frässen, wir etwas fundamental falsch gemacht hätten. Aha! Alles klar.

Was wir während der kurzen Trockenübung um die Ohren gehauen bekamen, tönte ziemlich abstrakt: Reserve, alter Trieb, neuer Trieb, Bognen, Augen und vieles mehr. Doch Übung macht bekanntlich den Meister. Das wird bei uns wohl auch nicht anders sein. Nach der ersten Unterweisung hiess es auch schon, Scheren ausfassen und rein ins Abenteuer. Unsere Rebstöcke waren fein säuberlich angeschrieben, sodass jeder gleich wusste, wo er „zu Hause“ ist. An drei Stöcken demonstrierte uns der Fachmann nun in der Praxis, wie es geht – wir stellten beruhigt fest, dass sich seine theoretischen Ausführungen mit der praktischen Arbeit deckten. Auch sahen wir klarer, was wir zu tun hatten. Gucken ist wesentlich einfacher als zuhören.

So geht’s:

Beim Bognen muss es richtig Knacken im Geäst.Beim Bognen muss es richtig Knacken im Geäst. (Foto by: Corinna Schneider)

Bei jedem Rebstock belässt man eine sogenannte Reserve, einen Trieb aus dem alten Holz, und schneidet diese auf zwei Augen zurück. Und zwar so, dass der zähe Saft aus dem Trieb nicht auf die Augen laufen kann, da diese sonst verkleben und somit kein Schoss austreibt. Die Reserve braucht es, falls mit dem Jahresschoss etwas schiefgeht. Ist kein Trieb mehr vorhanden, gibt es auch keine Trauben und entsprechend keinen Wein. Aus dem letztjährigen Trieb nimmt man den Seitentrieb am nächsten zum Holz und schneidet diesen auf acht bis zehn Augen zurück. Danach kommt das „Bognen“, also das Zurechtbiegen des Triebes, damit man ihn an den quer gespannten Drähten anbinden kann. Man will die Früchte ja in Reichweite und nicht in schwindelerregender Höhe.

Beim Bognen muss es richtig Knacken im Geäst, der Trieb darf jedoch nicht abbrechen. Falls er bricht, kann man immer noch den nächstmöglichen Trieb zurückschneiden und trimmen. Erst nach dem erfolgreichen Bognen, schneidet man alle anderen Triebe ab. Zum Schluss säubert man den Stamm in Bodennähe und entfernt da die unnötigen Triebe. Die ganze Reihe der Rebstöcke wird immer in die gleiche Richtung getrimmt, damit die Pflanzen stets mit genügend Licht versorgt sind, was fürs gesunde Wachstum der Reben wichtig ist. Tönt alles ganz einfach, oder?

An die Arbeit

Also, Handschuhe montieren und los geht’s! Bevor wir einen Schnitt wagten, diskutierten wir zu Beginn das Vorgehen. Wir wollten ja nichts falsch machen. Denn weg ist weg, und dann kommt mindestens ein Jahr lang nichts mehr nach. Als senkrechte Homines oeconomici sind wir natürlich auf eine möglichst grosse Weinausbeute aus. Die Winzer mussten fix zwischen den Reihen hin und her wieseln und unsere zig Fragen beantworten. Mit der Zeit fühlten wir uns aber immer sicherer, sodass uns die Arbeit flott von der Hand ging.

Nach etwa eineinhalb Stunden war ein kleiner Energiekick in Form eines (mit oder ohne Geist) in der warmen Stube hochwillkommen. Nach weiteren zwei Stunden war unser Tagwerk abgeschlossen. Unsere Handballen schmerzten und langsam fuhr uns die Kälte in die Knochen.

Unsere 350 Rebstöcke sahen sauber geputzt und fachmännisch geschnitten aus. Ob wir’s denn auch richtig gemacht haben, wird sich jedoch erst weisen, wenn’s ums Anbinden geht. Noch sind wir guter Dinge. Wir waren zufrieden mit unserem ersten Einsatz. Abgerundet wurde er mit einer kleinen Degustation: hauseigener Cuvé und Riesling Silvaner.

Bleibt noch die spannende Frage, wann unser nächster Einsatz wohl erfolgen werde. Aber eben, die Natur wird’s vorgeben – und wir bleiben in Stellung. Hirzel, 8. März 2015


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