6. Laubarbeiten: Einflechten und Ausgeizen

Kein gutes Wetter für den Rebberg! Die heftigen Regenfälle der vergangenen Tage haben nicht nur zahlreiche, dringend notwendige Arbeiten verunmöglicht. Nein, das feucht-warme Klima förderte zusätzlich das Pilzwachstum und die Bildung von falschem Mehltau. Falschen Mehltau erkennt man am hellen „Ölfleck“ auf der Oberseite der Blätter. Die Pilzsporen ihrerseits befinden sich auf der Blattunterseite. Beide können sich bei Wind und Regen rasend schnell verbreiten. Also sollte man die Reben ganz dringend wieder einmal spritzen. Spritzen ist bei Regen ja nicht möglich, da das Nass von oben alles abwaschen und im Boden versickern lassen würde. Laubarbeiten erledigen hingegen schon. Wir sind schliesslich wasserdicht. Deshalb kam der dezidierte Mahnruf, unsere Rebstöcke fürs Spritzen vorzubereiten, wiederum recht kurzfristig. Doch das war nachvollziehbar – auf Mitte Woche war endlich Wetterbesserung in Aussicht.

Zahlreiche Arbeiten erwarteten uns

Die Ranken waren in den letzten zwei Wochen enorm gewachsen. Zum Teil massen sie bereits über zwei Meter. Nun mussten sie in die Drähte eingeflochten werden, sodass diese später helfen können, die schwere Last der Trauben zu tragen. Bei unserem letzten Einsatz hatten wir die Triebe im unteren Doppeldraht eingeschlauft und mit einer Klammer fixiert. Diesmal mussten wir sie im oberen Doppeldraht einschlaufen und die Klammern vom unteren auf den oberen Draht versetzen.

Die Pilzsporen des Die Pilzsporen des "falschen Mehltau" befinden sich auf der Blattunterseite. (Foto by: Corinna Schneider)

Die Nebentriebe auszugeizen, war eine weitere Aufgabe, die an diesem Abend ihrer Erledigung harrte. Denn – diese Erkenntnis ist uns bereits in Fleisch und Blut übergegangen - die Kraft der Pflanze soll in die Haupttriebe und die bereits gut sichtbaren Traubenstände kanalisiert werden. Nebentriebe erkennt man recht gut: Sie treiben meist aus einem Blattansatz heraus; ihr Blattwerk ist heller als jenes der Haupttriebe. Diesmal wurden wir aufgefordert, zu dichtes Blattwerk auszudünnen, damit das Spritzgut auch wirklich auf den gewünschten Blättern und Dolden landet.

Damit die Ranken überhaupt erst in die Drähte eingeflochten werden konnten, galt es, sie zu entwirren. Denn die widerborstigen Dinger wollen einfach nicht geordnet in die Höhe wachsen! Einige der Dolden waren mit Grauschimmelfäule (Botrytis) befallen. Diese Trauben werden nicht zur Reife auswachsen und vorher verkümmern. Also weg damit. Ein arbeitsamer Abend erwartete uns.

Nebentriebe erkennt man recht gut: Sie treiben meist aus einem Blattansatz heraus.Nebentriebe erkennt man recht gut: Sie treiben meist aus einem Blattansatz heraus. (Foto by: Corinna Schneider)

Schweisstreibende Tätigkeiten, Genickstarre und die Sehnsucht nach einer Massage

Doch bevor wir loslegen konnten, hielten wir Kriegsrat, wie wir vorgehen wollten. Denn die schon sehr dichten Ranken stellten uns vor ein paar prozessorientierte Fragen: zuerst hochziehen, dann ausgeizen? Oder zuerst entflechten, dann hochziehen? Am liebsten beides zuerst! Aber erstaunlicherweise bekamen wir den Dreh, genau dies zu bewerkstelligen, einfach nicht raus. Wir versuchten es mal so, mal andersrum – bis uns klar wurde, die heutigen Arbeitsschritte liessen sich nicht in einem sinnvollen Prozess optimieren.

Bis die Arbeit flott vonstattenging, benötigten wir eine zweite schwerwiegende Entscheidung: Der obere Draht liegt auf etwa 180 cm Höhe. Das hiess, sich dauernd strecken zu müssen, um die Ranken einzuschlaufen. Eine unbequeme Arbeitshaltung mit Aussicht auf Genickstarre schien anzustehen. Wie könnte man diese Schinderei lindern? Wir versuchten deshalb, das steile Terrain auszunutzen und schickten die kleineren Leute auf die höchste Stelle des Rebbergs, damit sie von oben nach unten arbeiteten, die grossen in umgekehrter Richtung.

Ausser Unkraut ist auf dieser Parzelle kaum etwas gewachsen.Ausser Unkraut ist auf dieser Parzelle kaum etwas gewachsen. (Foto by: Corinna Schneider)

Doch es half alles nichts. Krämpfe in den Oberarmen, Rückenweh sowie ein steifer Nacken waren treue Begleiter an diesem Abend – und das Bedürfnis, unsere schmerzenden Glieder durch eine wohltuende Massage lockern zu lassen, wuchs mit jedem bearbeiteten Rebstock. Als wir bereits frohlockten, unsere Arbeit erledigt zu haben, lehrte uns der Blick auf die andere Seite der Gasse eines Besseren. Wir fanden nochmals jede Menge Nebentriebe, die wir übersehen hatten. Also seufzen, durchatmen und nochmals anpacken. Es waren insgesamt weit über zwei Stunden harter Plackerei – wir hauptamtliche Bürolisten erhielten eine tüchtige Lektion in körperlicher Arbeit.

Was tut sich auf der neuen Parzelle?

Für die jungen Pflanzen war der heftige Regen nicht ideal. Ausser Unkraut ist auf dieser Parzelle kaum etwas gewachsen. Die Jungpflanzen sind zurzeit damit beschäftigt, Wurzeln zu schlagen und im Boden Halt zu finden. Dass die starken Regenfälle in den letzten Tagen ein paar Tonnen Erde weggeschwemmt hatten, hat den Pflänzchen sicher nicht geholfen. Unser Winzer meint, Rinnen und Wege einzubauen, könnte helfen, das Tempo des abfliessenden Wassers zu drosseln, sodass mehr versickert und weniger Material weggeschwemmt wird. Wir beobachten das Geschehen hier weiterhin.

Ein Vergleich (Vorher/Nachher) unserer erledigten Arbeiten.Ein Vergleich (Vorher/Nachher) unserer erledigten Arbeiten. (Foto by: Corinna Schneider)

Zum Schluss wurden wir wie immer mit einem kühlen Glas Wein belohnt. Doch so gut der auch mundete – eine Massage wäre noch willkommener gewesen. Wunden lecken – bis zum nächsten Mal sind wir wieder fit.


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