Teerituale und Teekulturen

In vielen Ländern dieser Erde wird der Tee nicht bloss getrunken, um den Durst zu löschen. Vielmehr gehört der Teegenuss zu einem gesellschaftlichen Ereignis, dessen Ritual nach fix festgelegten Zubereitungsschritten abläuft. Eine Einladung zu einem Teeritual ist ein Zeichen besonderer Wertschätzung und sollte keinesfalls ausgeschlagen werden.

Die japanischen Teezeremonien laufen nach streng reglementiertem Ritual abDie japanischen Teezeremonien laufen nach streng reglementiertem Ritual ab (Foto by: toa55/ Depositphotos)

China

Die Teerituale sind in der chinesischen Gesellschaft tief verwurzelt, jedoch weit weniger raffiniert als das japanische Pendant. Eine Einladung zum Tee kommt im Reich der Mitte einer speziellen Ehrerbietung gleich. Je nach Zeremonie werden unterschiedliche Teesorten verwendet, in der Regel Grüntee oder Oolong. Der erste Aufguss zieht dabei nur wenige Minuten und öffnet lediglich die Blätter.

Getrunken wird er noch nicht. Er nimmt den späteren Aufgüssen die Bitterstoffe. Man nennt ihn „Aufguss des guten Geruchs“. Die zweite Runde heisst „Aufguss des guten Geschmacks“ und zieht auch nur wenige Sekunden, bevor er in Schälchen den Gästen gereicht wird. Das Aufgiessen kann – gute Teequalität vorausgesetzt – mit dem gleichen Tee bis zu 15 mal wiederholt werden, wobei der Tee immer einige Sekunden länger zieht als jener vorher. Dabei spricht man von „Aufgüssen der langen Freundschaft“. Wie beim Wein ist es üblich, das Teearoma erst mit der Nase aufzunehmen, bevor man trinkt.

Japan

Nirgendwo auf der Welt gibt es derart ästhetische und sinnliche Teezeremonien wie im Land der aufgehenden Sonne. Sie haben eine jahrhundertlange Tradition und sind tief in der japanischen Gesellschaft und ihren ethischen Grundsätzen verwurzelt. Die japanischen Teezeremonien laufen nach streng reglementiertem Ritual ab und beinhalten eine meditative Komponente. Denn die Teezeremonie lehnt sich eng an den Buddhismus an, der die Menschen lehrt, in Harmonie mit und Respekt vor der Schöpfung zu leben. Friede und Stille sollen nicht nur die Seele des Menschen, sondern auch die Welt dominieren.

Das Ritual der Teezeremonie lässt den Menschen seinen Geist öffnen und ermuntert ihn, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und noch besser: ein besserer Mensch zu werden.

Wer eine echte, japanische Teezeremonie durchführen will, benötigt nicht weniger als 24 Gegenstände. Darunter einen Bambusbesen, um den Tee schaumig zu schlagen, einen Holzspachtel, mit dem man den in die Schalen gibt, einen Wasserkessel, ein Frischwassergefäss und ein seidenes Wischtuch. Verwendet wird ausschliesslich Matchatee, ein Grüntee, der zu Pulver verarbeitet wurde und sich schaumig aufschlagen lässt. Der Tee wird so cremig und erhält durch das Schlagen eine intensive Farbe.

In Japan kann nicht jeder eine Teezeremonie durchführen. Zuerst müssen die Regeln und Abläufe über Jahre studiert und erlernt werden. Doch auch von den Gästen wird erwartet, dass sie die Abfolge des Rituals und die Gepflogenheiten kennen und respektieren.

England

Die Engländer sind bekannt dafür, viel und genussvoll Tee zu trinken. Wer einmal einem Five o’Clock Tea beigewohnt hat, weiss wie opulent ein solches Teeritual ausfällt. Es kann locker eine nahrhafte Hauptmahlzeit ersetzen. Heute werden zum Nachmittagstee, den man auch als Cream Tea kennt, meist kräftige Schwarztees wie Ceylon oder Assam in edlem Porzellan serviert. Der Tee wird in England entweder mit ein paar Tropfen Milch und etwas Zucker oder frischer Zitrone genossen.

Wichtig ist, dass immer zuerst die Milch in die Tasse gegeben wird; der Tee kommt erst danach. Zum Tee serviert man Roastbeef- und Farmeggsandwiches und natürlich die legendären Gurkensandwiches. Die buttrigen Shortbreads dürfen ebenfalls nicht fehlen. Gekrönt wird der Five o’Clock Tea von den unwiderstehlichen ofenfrischen Scones, die üppig mit Clotted Cream (ähnelt dem Greyerzer Doppelrahm) und fruchtig-süsser Himbeerkonfitüre bestrichen werden. Wer in England weilt, sollte sich unbedingt einen ausgiebigen Cream Tea gönnen.

Ostfriesland

Den wenigsten Schweizern dürfte bekannt sein, dass man in Ostfriesland eine eigene Teekultur pflegt. Die Ostfriesen weisen den weltweit grössten Teeverbrauch pro Kopf auf. Kein Wunder, denn in Ostfriesland ist es üblich, einen Gast zuerst mit einer Tasse Tee willkommen zu heissen. Die ostfriesische Teekultur reicht zurück ins 17. Jahrhundert, als die Niederländische Ostindien-Kompanie erstmals Tee nach Europa brachte.

Der günstige Teepreis verdrängte das weitaus teurere einheimische Bier, das bis dahin als Hauptgetränk Ostfrieslands galt. Ostfriesische Tees bestehen hauptsächlich aus einer Mischung von kräftigen Assam-Tees.

Zur Zubereitung eines authentischen Ostfriesen-Tees wird zunächst die Kanne vorgewärmt. Danach kommt der Tee in die Kanne, wobei die Regel „ein Löffel pro Tasse plus ein Löffel für die Kanne“ strikt eingehalten werden muss. Darauf wird wenig kochendes Wasser geschüttet.

Den Tee lässt man nun ein bis zwei Minuten ziehen, bevor die Kanne mit siedend heissem Wasser aufgefüllt wird. Ostfriesischer Tee wird in kleinen Porzellantassen serviert. Bevor der Tee eingegossen wird, legt man ein Stück Kandiszucker in die Tässchen. Meist trinkt man den Tee mit Rahm, der sorgfältig vom Rand her in die Tasse geträufelt wird. Bezeichnenderweise rührt man den Tee nicht um, sodass er zu Beginn kaum süss ist, die letzten Schlucke hingegen umso mehr. Wer genug Tee getrunken hat, stellt seine Tasse umgekehrt auf die Untertasse und legt den Löffel quer darüber.

Marokko: meist handelt es sich um Grüntee mit frischer PfefferminzeMarokko: meist handelt es sich um Grüntee mit frischer Pfefferminze (Foto by: irabel8 / Depositphotos)

Orientalische Länder

In den arabischen Ländern, allen voran in Marokko und Tunesien, werden Unmengen unglaublich süsser Tees getrunken. In aller Regel handelt es sich um Grüntee, der mit frischen Pfefferminzblättern angereichert wurde. In Ländern wie Ägypten oder der Türkei wird jedoch häufig starker Schwarztee getrunken. Bevor der Tee in die Gläser gegossen wird, werden diese zu etwa einem Viertel mit Zucker gefüllt. Dies soll sicherstellen, dass die Menschen genügend trinken. Denn in der Hitze der trockenen Wüstengegenden ist die Gefahr einer Dehydrierung sehr gross. In arabischen Ländern trifft man sich gerne in Männerrunden zu ein paar Gläsern Tee und diskutiert dabei die wichtigen Dinge des Lebens.

Argentinien: Der Mate-Tee-Kult

Der Mate-Tee hat seinen festen Platz in der südamerikanischen, argentinischen Gesellschaft. Getrunken wird er meistens in Begleitung von Freunden und Familie; das Ritual beruht auf fixen Regeln, die über Jahrhunderte von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Getrunken wird Mate-Tee aus einer Kalebasse.

So nennt man die ausgehöhlte und getrocknete Schale von Flaschenkürbissen. Selbst wenn mehrere Personen am Teeritual teilnehmen, reicht dazu eine einzige dieser Kalebassen. Da der erste Aufguss der bitterste ist, wird dieser vom Gastgeber selbst getrunken. Erst der zweite Aufguss wird in die Runde gegeben. Dabei muss die Bombilla, das typische Trinkrohr aus Weissblech, zwingend auf denjenigen zeigen, der den Tee nun bekommt.

Der Gast trinkt die Kalebasse leer und reicht sie zurück an den Gastgeber, der einen neuen Aufguss zubereitet und sie dem nächsten Gast weiterreicht. Die Aufgabe des Gastgebers ist anspruchsvoll, denn er muss sicherstellen, dass er stets gleichwertige Aufgüsse zubereitet und auch der letzte Gast noch einen schmackhaften Tee geniessen kann.

Überhaupt ist die Zubereitung eines Mate-Tees eine Wissenschaft für sich. Zuerst füllt man die Kalebasse zur Hälfte mit Yerba (Mateblätter), verschliesst sie mit der Hand und schüttelt sie sorgfältig. So sollten die grossen Yerba unten, die kleinen oben zu liegen kommen. Nun werden die Blätter angefeuchtet und danach sanft an die Wände der Kalebasse gedrückt. Auf diese Weise entsteht in der Mitte Hohlraum, in den man die Bombilla stellen kann.

Nachdem die Yerba Zeit zum Quellen hatten, kann man den Tee aufgiessen. Dazu verwendet man Wasser, das eine Temperatur zwischen 70 und 90 Grad aufweist. Dieses lässt man sorgfältig der Bombilla entlang in die Kalebasse laufen, damit die Teeblätter nicht herumschwimmen. Kochendes Wasser sollte man nie verwenden, denn damit werden die Blätter schneller aufgebraucht. Zudem lässt es den Matetee bitter werden. Bis neuer Tee angesetzt werden muss, sind bis zu 15 Aufgüsse möglich.


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